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Gekrönte Dame

Noch Zedler spielte im Artikel „Europa" im 8. Band (1734) seines Universal-Lexikons auf die Beschreibung Europas als „sitzende Jungfrau" an, womit er Darstellungen wie jene Büntings meinte. Zu seiner Zeit wurde diese Art der Europaikonographie neben der Europa als Erdteilallegorie und der mythologischen Europa kaum mehr aktiv gepflegt, aber sie war noch bekannt, da sie über Werke wie die Büntings, aber auch Sebastian Münsters Kosmographie weit verbreitet worden war. Die früheste kartographische Repräsentation Europas als Frau stammt zwar aus dem Mittelalter, es scheint sich dabei aber um eine vereinzelte Version zu handeln, deren Überlieferung in die Frühe Neuzeit erst nachzuweisen wäre. Die Karte stammt von Opicinus de Canistris (geb. um 1296, um 1330 Schreiber an der päpstlichen Kurie), zielt aber auf eine allegorische Darstellung der Sündhaftigkeit der Welt. Die Europa als Jungfrau oder als Königin, verschmolzen mit dem Kontinent Europa, erscheint in dieser Version erstmals 1537 als Werk des Johannes Putsch (Johannes Bucius Aenicola; 1516–1542). Vermutlich hat sich nur ein Exemplar im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum erhalten. Putsch war Geheimschreiber Erzherzog Ferdinands und fiel als dessen Begleiter 1542 während des Ungarn-Feldzuges in Esztergom. Die Tafel war Ferdinand gewidmet worden. Die Überlieferungsgeschichte dieser Karte im 16. Jh. liegt im Dunkeln. Sie wurde in Paris von einem calvinistischen Drucker gedruckt, viel mehr ist aber nicht bekannt. Da sie die iberische Halbinsel als gekröntes Haupt Europas zeigt – es wurde in der Forschung vermutet, daß Putsch's Europa die Züge Isabellas von Portugal, der Frau Karls V. trage –, das Heilige Römische Reich und das vornehmste Kurfürstentum im Reich, nämlich Böhmen, den Brust- und Herzbereich des Körpers ausmachen (u.a.m.) und die "Karte" im allernächsten Umfeld der Habsburger entstand, ist der politische Tendenzcharakter der Darstellung offensichtlich. Auch Andrés de Lagunas Europa gehört wegen der großen Belobigung Ferdinands bei Laguna in diesen Umkreis.

Soweit im Augenblick nachweisbar, ist diese Europa sehr eng mit der geistigen Umwelt universalmonarchischen Denkens im führenden Herrscherhaus Europas verbunden gewesen. Die von Putsch inaugurierte Ikonographie fand erst in den späten 1580er Jahren Fortsetzer, während im Bereich textueller geographischer Beschreibungen Europas das Bild der Jungfrau oder der schönen Frau ununterbrochen Bestand hatte. Das Rückgrat dieser Überlieferung bildete Sebastian Münsters Kosmographie, die erstmals 1544 in Basel gedruckt wurde und bis 1650 vermutlich 27 deutsche Ausgaben sowie Übersetzungen in andere Sprachen erlebte. Eine weiblich stilisierte Europakarte gab es in den ersten Ausgaben scheinbar nicht, aber eine textuelle Beschreibung Europas begleitend zur 'konventionellen' geographischen Abbildung Europas als Karte, in der Attribute weiblicher Schönheit untergebracht wurden. In der Baseler Ausgabe von 1550 findet sich dann erstmals eine bereits weiblich stilisierte weitere Europakarte, die aber Europa noch nicht direkt zur Jungfrau oder Königin macht, sonderlich lediglich die Rockform als Stilisierungsmittel benutzt. 1587 brachte Jan Bußemaker in Köln einen der Putsch'schen Karte sehr ähnlichen Kupferstich von Matthias Quad unter dem Titel "Europae Descriptio" auf den Markt, 1588 wurde Sebastian Münsters Kosmographie mit einer stark modifizierten Version ausgestattet. Auf dieselbe Vorlage muss die gleichartige Europa in der sog. Weltallschale für Kaiser Rudolf II. zurückgehen, die 1589 in Nürnberg von Jonas Silber gefertigt wurde. Und schließlich wurde im selben Jahr Heinrich Büntings "Itinerarium" mit der oben abgebildeten Europa ausgestattet. Münsters Kosmographie und Büntings Itinerarium wurden noch mehrfach bis ins 17. Jh. aufgelegt und nicht nur im Heiligen Römischen Reich von den Niederlanden bis nach Prag, sondern auch in England, Dänemark und Schweden verbreitet.

Warum die Europatafel in den 1580er Jahren plötzlich so populär wurde, kann nur gemutmaßt werden. Die Europa in der Bearbeitung von Matthias Quad (1587) konnte durchaus und sehr konkret die spanische Infantin Isabella Clara Eugenia meinen, da zu diesem Zeitpunkt die Verlobung mit Kaiser Rudolf II. noch bestand: Es wäre dann eine Allegorie auf die Europa als Braut des (künftigen) Universalmonarchen gewesen – in Anlehnung an die bei Krönungszeremonien gängige Metapher, dass ein Fürst sein Reich zur Braut nehme.

Mit Weiblichkeit, der benutzten Form, konnte u.a. auch die Vorstellung eines umgrenzten, ja geschlossenen Raumes ebenso wie die Vorstellung von Fremde und Fremdsein verbunden werden. Der umgrenzte oder geschlossene Raum in Bezug auf die Form des Weiblichen meint entweder das Haus oder den Garten. Der Kontinent wird hier in der Form des Weiblichen wie ein geschlossener Raum gezeichnet, die Technik des Holzschnitts beförderte in diesem Punkt die Anschaulichkeit. Es spricht einiges dafür, daß beim Betrachter eine Assoziation zum Garten Eden ausgelöst werden sollte. Dies folgt einer entsprechenden Beobachtung von Annegret Pelz, die die Karte mit Paradiesarchitekturen vergleicht. Die deutlich zu erkennende Donau imitiert den Paradiesstrom, der der Mutterstrom war. An ihrem Austritt verzweigt sie sich wie der Paradiesstrom beim Austritt aus dem Garten Eden. (1Mose 2,10-14) Der Garten Eden war besonders fruchtbar; auch Europa wurde für sehr fruchtbar gehalten; die mythologische Europa besaß die Bedeutung von Fruchtbarkeit.

Die Tatsache, dass neben der weiblichen Form die Form einer geographischen Karte genutzt wurde, war bedeutungsvoll. Die geographische Karte wurde im 16. Jh. zum Symbol der empirisch-wissenschaftlichen Erforschung der Welt, zum Symbol eines wissenschaftlich geprägten Verhältnisses zur Welt. Der Erkundung des neu entdeckten Amerika lief die Erkundung und innere Entdeckung Europas parallel. Europa, eine scheinbar alte Bekannte, wurde neu entdeckt, auf wieviel Fremdes, das der wissenschaftlichen Erklärung bedurfte, stießen die vorzugsweise männlichen innereuropäischen Entdecker dabei! Die Form aber, mit der Fremdes und Fremdsein ausgedrückt wurde, war die Form des Weiblichen. Der weibliche Körper als Metapher für das Fremde spielte beispielsweise in den Kolonisierungsgeschichten aus Amerika eine zentrale Rolle. Sehr deutlich wird diesen Geschichten der Fremdheitserfahrung eine Begehrensordnung eingeschrieben: Fremde Welt und wilde Frau werden miteinander identifiziert, beide werden zum Lustobjekt des Eroberers. Natürlich ist die Europa der Putsch's, Münsters, Büntings u.a. keine wilde Frau, aber eine Frau, die die Bedeutung von Fremdheit evoziert und damit auf die Lust der Erkundung und Eroberung verweist, die wiederum durch die Kartenform signalisiert wird.

Text: Wolfgang Schmale, Geschichte Europas (UTB), Wien 2001, S. 67-71 (mit freundlicher Genehmigung des Böhlau-Verlages Wien)

Pelz, Annegret: Reisen durch die eigene Fremde: Reiseliteratur von Frauen als autogeographische Schriften, Köln u.a. 1993

Schülting, Sabine: Wilde Frauen, Fremde Welten. Kolonisierungsgeschichten aus Amerika, Reinbek 1997

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